Warum dich reisen NICHT glücklich machen kann!

Ein Mann sitzt im Zug. In einem dieser altmodischen Züge mit Einzelabteilen. Die sechs Menschen in einem solchen Abteil wachsen zu einer Gemeinschaft zusammen. Denn es ist schwer, sich auf langen Reisen zu ignorieren. Und die Reise ist lang, sie führt von Hamburg nach Paris. Schon zwischen Bremen und Osnabrück gibt die Frau am Fenster ihr Reiseziel preis: Frankfurt am Main (Enkelbesuch).

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Warum reisen nicht gluecklich machen kann und was du dagegen tun kannst

Ein gut gekleideter Mann (mittelalt, randlose Brille) bleibt bis Köln stumm. Dann erzählt eine junge Frau von ihrer Enttäuschung vor Da Vincis "Mona Lisa". Unbegreiflich dieser Hype um das glubschäugige Bildchen. Der Mann mit der randlosen Brille fragt, wer die Geschichte vom Diebstahl der Mona Lisa kenne. Keiner kennt sie. Also erzählt der Mann die Geschichte vom Glaser Puruggia, der sich im August 1911 das Bild unter den Arm geklemmt und damit aus dem Louvre marschiert sei. Ab Köln spricht der Herr mit der randlosen Brille. Er kennt jeden Pflasterstein in Paris, jede Anekdote zwischen Montmartre und l'Hôtel de Ville, hat jedes Lokal auf den Champs-Élysées besucht, weiß zu jedem Grab auf dem Père Lachaise eine Geschichte, zählt die Häuser der Reichen und Berühmten in Passy auf. Der Mann ist nicht langatmig, nicht arrogant, er ist fesselnd. Jeder der Mitreisenden will sofort nach Paris fahren. In Saarbrücken steigt der Reisende aus. Nachsatz des allwissenden Autors: Immer an dieser Stelle endet die Reise des Herrn X. Er nimmt den Rückzug nach Hamburg. 20 Jahre lang hat Herr X. Frankreichs Hauptstadt bis auf den Grund ihrer Seele studiert. Es würde ihm das Herz brechen, wenn er wirklich nach Paris käme.

Diese Geschichte habe ich vor langer Zeit gelesen. Ich habe vergessen, wer sie geschrieben hat. Aber sie ist mir in Erinnerung geblieben. Herr X. ist ein glücklicher Mensch. Er ist ein Beweis dafür, dass Nicht-Reisen glücklich macht. Also ist er auch ein Beweis für das Nicht-Glück von Reisenden. Herr X. ist ein genügsamer Mensch. Er kultiviert Paris als Schatzkammer der Geschichten und Kultur. Alles Gute, Wertvolle, Liebenswerte hat er auf die "Hauptstadt der Welt" projiziert. Herr X. ist ein lebenskluger Mensch. Er weiß um die Unvereinbarkeit von Idee und Wirklichkeit. Um möglichst nah bei der Idee zu bleiben, bricht er die Reise kurz vor dem Ziel ab.

Manche Leute würden Herrn X. als verrückt bezeichnen. Kauzig, weltfremd, verkehrt. Möglicherweise haben diese Leute Recht. Jede Idee braucht Fleisch, Wirklichkeit, Erfahrung, Reisen. Aber Herr X. ist nur ein Spiegel, den der Autor dem Menschen hinhält. Wie oft bist Du von der Wirklichkeit gefoppt worden? Wie viele Liebesträume sind am nächsten Morgen ein unentwirrbares Knäuel Wolle gewesen? Wie viele Genieblitze haben nichts als Kopfschmerzen hinterlassen? Wie viele Deiner Schlösser sind zu Sand zerronnen? Am Beispiel des Reisens lässt sich besonders tief in den Spalt zwischen Idee und Wirklichkeit blicken. Herr X. hat sich dieser Erfahrung verweigert. 

Reisen werden von der Sehnsuchtsindustrie bis zum Platzen mit positiven Gefühlen gefüllt. "Sie haben es sich verdient." "Xtend your limits." "Discover your smile." "Die schönsten Wochen des Jahres." Solche Sprüche bauen Leistungsdruck auf. Der Urlaub bekommt einen fast religiösen Heilsanspruch: Eine Sakristei, geschmückt mit bildbearbeiteten Fotos überirdischer Sonnenuntergänge, meditativ baumelnder Strandhängematten und schöner Menschen, die bei der Abendmahlsfeier ihrer heiligen Auszeit mit Cocktailgläsern anstoßen. Also kämpfst Du mit Deinen Kollegen um den Urlaubsplan, packst Deine Sachen (ziemlich stressig, aber Vorbereitung muss sein), buchst Flüge und Hotelzimmer (erst die Arbeit, dann das Vergnügen), deckst Dich mit Sonnencreme und Medikamenten ein (Mist, der Pass ist abgelaufen). Fliegen war noch nie Deine Sache, aber die Taschenfilzerei und das Landeanflugsgeruckel gehören dazu. Am Strand liegen die Leute so eng wie Erdnüsse in der Tüte. Die Bar zapft das schlechteste Bier der Welt, durch Dein Hotelzimmer läuft eine Ameisenstraße. Am nächsten Tag setzt eine Hitzewelle mit 38 Grad ein. Du kriegst einen Ausschlag unter der rechten Achsel und streitest Dich mit Deiner Freundin. Sie will nach Hause fahren. Abends erwischt Du eine müll- und menschenleere Ecke am Wasser und machst ein Foto für Instagram. Zwei Deiner Freunde sehen das Bild und beschließen, nächstes Jahr zu buchen. Du sitzt auf dem Hotelzimmer und machst Pläne für Deinen kommenden Urlaub. Alles wird besser ...

Reisen ist ein Heilsversprechen, verbreitet durch Werbung, vervielfältigt durch Social Media: Gib Dich hin, dann wird alles gut. Ich erlöse Dich von Einsamkeit, Unglück, Stumpfsinn, Neid, Langeweile, Unzufriedenheit. Trotzdem unzufrieden? - Dann hast Du das falsche Reiseziel gewählt. Oder nicht genug an Dir gearbeitet. Schließlich sollst Du Deine Grenzen erweitern (Xtend your limits). Du sollst Dein Lächeln entdecken (Discover your smile). Also radle gefälligst mit dem Rad durch das Karwendelgebirge oder besuche an fünf Tagen sechs taoistische Klöster. Dein Problem, wenn Du nicht kapierst, dass der Krampf, der gerade Deine linke Wade versteinert, absolut bewusstseinserweiternd wirkt ... 

Bevor Du zu Deiner nächsten Reise aufbrichst, schau mal bei Dir selbst vorbei. Der alte Seneca, römischer Bestsellerautor und Schrecken aller Lateinschüler, hat ein paar coole Sprüche zum Thema gemacht. "Du musst Deine Einstellung ändern, nicht den Himmel." "Du fragst, warum diese Flucht nicht hilft? - Du fliehst mit Dir." "Du musst die Last der Seele ablegen, vorher wird Dir kein Ort gefallen." Spruch 1: Die Einstellung. Hör damit auf, drei Wochen Reisen als Belohnung für 49 Wochen Frust zu betrachten. Ändere Deine Meinung, dass drei Wochen Urlaub drei Wochen Perfektion sind. Spruch 2: Du nimmst Dich mit in den Urlaub. Zum Glück! Wenn Du Deine schlechte Laune zu Hause ließest, würdest Du Dich nicht wiedererkennen. Spruch 3: Reisen beschränkt sich nicht auf die drei oder sechs Wochen im Jahr. Du bist immer auf Reise! Wenn Du Dir jetzt an die Stirn tippst, bedenke, wie groß die Macht der Bilder ist. Mit welchen Paradiesgemälden hat man Dich auf Reisen gelockt! Mit welchen Versprechungen die Erwartungen an den Urlaub aufgeladen! Die Touristikindustrie ist eine Hypnoseindustrie. Warum diese Zauberkraft nicht nach Innen wenden? Wenn Du Dich immer auf Reisen siehst, im Büro, in Deiner Partnerschaft, vorm Kaffeeautomaten, im Stau, überall - dann lenkst Du die Bedeutungsintensität des Reisens auf Dein Leben um. Alles ist Entwicklung, Erfahrung, Neuentdeckung, Sinn. Diese Lebenshaltung ist in der Achtsamkeitsbewegung kultiviert worden. Die Achtsamkeit wurde nicht von überbezahlten Psychotherapeuten entwickelt - sie ist Teil uralter zenbuddhistischer Lebensweisheit. Sie unterscheidet nicht in bedeutsame und unbedeutsame Tätigkeiten. Sie verleiht jeder Handlung einen tiefen Sinn, indem sie den Menschen behutsam und konzentriert in seine Umwelt einbettet. Aus dieser Haltung heraus kannst Du glücklich auf Reisen gehen. Seneca, Spruch 3: Du musst die Last der Seele ablegen, vorher wird Dir kein Ort gefallen.

Und der mittelalte Mann mit der randlosen Brille? Ist er wirklich ein Beweis, dass Nicht-Reisen glücklich macht? - Vermutlich nicht. Er scheint vielmehr ein Beweis dafür zu sein, dass Reisen nicht ihr Ziel erreichen müssen. Außerdem ist er ganz bestimmt ein Beweis für das Glück des Reisens. Und das ist ein ganz besonderes Exempel in einer Welt, die sich durch Reisennicht glücklich macht. In diesem Sinne: Gute Reise!

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About the Author

Pow! ;D Hey ich bin David und ich liebe die Freiheit als digitaler Nomade! Ich hatte eine klassische-erfolgreiche Karriere vor mir: Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen, 6 Monate USA als Praktikum und danach mein erster Job als Angestellter - es war die HÖLLE! Schnell habe ich gemerkt, dass ich gerne und hart arbeite, aber nicht für die Ziele von jemand anderen! Mit meiner Freundin werde ich die Welt erkunden und von überall aus arbeiten. Auf diesem Blog helfen wir dir, diesen Traum ebenfalls zu verwirklichen.

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